Mit Schnee bis in tiefe Lagen beendet die Schafskälte regelmässig warmes Hochdruckwetter. Flugwetter ist nun für eine Weile kein Thema mehr, denn einer ersten Kaltfront folgt eine Periode mit trübkaltem, regnerischem Wetter.

 

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Prognose für den 9. Juni 1998: Noch herrscht warmes Hochdruckwetter.

"Die Schafskälte hat ihrem Namen am Freitag alle Ehre gemacht und in höheren Lagen der Schweiz wieder für winterliche Verhältnisse gesorgt", berichtete am 13. Juni 1998 der "Tages-Anzeiger". "In Höhenlagen von 2000 bis 2500 Metern betrug die Neuschneedecke bis 25 Zentimeter. Elf Pässe wurden wieder eingeschneit. Die Temperaturen erreichten am frühen Morgen im Mittelland nur acht bis zehn Grad. In höher gelegenen Gebieten wie etwa in Samedan oder in Zermatt war es lediglich zwei Grad warm, auf dem Jungfraujoch wurden gar eisige minus zwölf Grad gemessen." Es gibt wohl keine bessere Beschreibung der Schafskälte als dieses Beispiel. Mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 80% beendet ein Kaltlufteinbruch zwischen dem 9. und 18. Juni eine Wärmeperiode von Anfang Monat. So auch im Jahr 1998. Denn noch am 9. Juni herrschten in der Schweiz sommerliche Temperaturen mit Werten bis 27°C. Doch über Schottland wuchs bereits das Tief Lilly heran, das in der Folge eine erste Staffel kalte Luft gegen Zentraleuropa steuerte. Während sich Lilly via Skandinavien da-von machte, gewann ihre Schwester Oktavia an Stärke und steuerte weitere Kaltluftmassen Richtung Süden.

Seit jeher war Anfang Juni die Zeit, in der die Schafe geschoren wurden. Und präzise nachdem diesen ihr warmes Wollkleid ausgezogen wurde, sanken die Temperaturen in den Keller. Der bedauerliche Anblick der frierenden Schafe und die erstaunliche Regelmässigkeit dieses Kälteeinbruchs haben dieser Witterungsperiode ihren Namen gegeben.

Meteorologischer Hintergrund
Aus meteorologischer Sicht lässt sich dieser Kälterückfall gut erklären, erfolgt er doch immer nach dem selben Muster. Ende Mai und

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Prognose für den 10. Juni 1998: Das Tief Lilly steuert mit einer Kaltfront eine
erste Staffel Polarluft gegen Mitteleuropa.

Anfang Juni sind statistisch gesehen die Tage mit der geringsten Regenwahrscheinlichkeit im ganzen Jahr. Es herrscht sehr häufig tagelang stabiles Hochdruckwetter über Mitteleuropa, wie die Wetterkarte vom 9. Juni 1998 beispielhaft zeigt. Durch die hochstehende Sonne wird der europäische Kontinent kräftig aufgeheizt. Zwischen der Warmluft über dem Kontinent und der Kaltluft über dem vom letzten Winter immer noch kalten Atlantik bildet sich ein extremer Temperaturgegensatz von mehr als 20 °C.

Die leichte Warmluft dehnt sich nach oben aus und macht sich so gegenüber der schweren Kaltluft angreifbar. Es kommt, was kommen muss: Nach einiger Zeit ist der Temperaturkontrast so extrem, dass kein Gleichgewicht mehr möglich ist. Die Kaltluft stösst von Norden her am Boden unter die Warmluft vor. Treibende Kraft ist ein Tief über dem Atlantik, das sich im weiteren Verlauf über die Britischen Inseln nach Südskandinavien verlagert. Die Wetterkarten vom 10. und 13. Juni verdeutlichen diese Entwicklung. Bei der Hebung der Warmluft entsteht eine thermisch direkte Zirkulation (vgl. "Swiss Glider" April 2000). Auf der Vorderseite der vorstossenden Kaltluft, also an der Grenze zwischen Warm und Kalt, entwickelt sich eine kräftige Kaltfront. Die freigesetzten riesigen Energiemengen entladen sich in heftigen Gewittern und Wolkenbrüchen. Damit enden auf einen Schlag alle Träume vom Sommer, denn nach dem Durchgang dieser ersten massiven Kaltfront bleibt der Zustrom feuchtkalter Meeresluft aus polaren Gebieten nach Mitteleuropa oft tagelang erhalten. Das vorher über Mitteleuropa liegende Hoch hat sich auf den südlichen Atlantik zurückgezogen und überlässt dem Tief über Südskandinavien die Wetterregie in Mitteleuropa. Das zeigt die Wetterkarte vom 13. Juni 1998.

Besonders deutlich wird die Schafskälte in den Alpen spürbar. Auf der Nordseite kommt es zu anhaltenden Stauniederschlägen, in deren Verlauf die Schneefallgrenze nicht selten bis gegen 1500 m sinkt. Im Mittelland sorgt der von der vorangegangenen Schönwetterperiode erwärmte Boden für eine deutliche Abschwächung der Kälteperiode.

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Prognose für den 13. Juni 1998: Jetzt hat das Tief Oktavia das Regime
übernommen und führt weitere erste Staffeln kalter Polarluft gegen die Alpen.

Extremfälle
Nicht immer ist der Kälteeinbruch gleich stark. Es gibt Fälle, wo es ganz hart kommt: So fiel am 10. Juni 1921 Schnee bis auf 800 m hinab und vermischte das saftige Grün der Voralpen mit hellem Weiss. Blickt man noch weiter zurück, finden sich noch extremere Fälle. Am 18. Juni 1618 zum Beispiel fiel eine Schneedecke bis auf ca. 550 m hinunter, die nach Beobachtung des Winterthurer Anton Künzli (1591—1644) das Getreide zu Boden drückte und Bäume zersplittern liess. Im Urserental lag der Schnee drei Spannen hoch. Die Heuballen für das hungernde Vieh wurden mit Schlitten geführt. Selbst in der Stadt Luzern fiel Schnee. Von diesem Kälteschock erholte sich das Wetter nicht mehr, denn auch die folgenden Monate waren zu kalt. Ende Oktober waren die Trauben erst halb reif. Im Vergleich dazu verlief die Schafskälte der letzten Jahre gemässigt. Der Winterpullover konnte trotz des Temperatursturzes von etwa 10°C zu Hause bleiben.

Manchmal fehlt die Schafskälte ganz, wie etwa im Juni 1976. Dies führt dazu, dass der ganze Monat im Mittel zu warm wird. So war der Juni 1976 etwa 3°C zu warm. Die frisch geschorenen Schafe werden wohl nichts dagegen einzuwenden haben.